Aus den Krisenherden dieser Welt

Sonntagsmatinee mit Wolfgang Bauer

Foto: Andy Spyra

Wolfgang Bauer reist für seine Reportagen in Regionen, in denen Menschen unvorstellbarem Leid ausgesetzt sind. Gemeinsam mit den Fotografen, die ihn begleiten, verleiht er diesen Menschen eine Stimme und ein Gesicht. Doch das allein reicht nicht, es braucht auch Menschen, die zuhören und hinsehen. Gelegenheit dazu gibt es bei unserer Sonntagsmatinee am 14. Juli. Wir haben Wolfgang Bauer vorab ein paar Fragen gestellt.  

Herr Bauer, Sie haben Ihr journalistisches Handwerk beim Schwäbischen Tagblatt in Tübingen erlernt. Inzwischen sind Sie als Reporter der Chefredaktion der ZEIT in den Krisengebieten dieser Welt unterwegs, u.a. in Afghanistan, Libyen, Syrien und zuletzt im Sudan. Wie kam es dazu, dass Sie diesen Weg eingeschlagen haben? Was treibt Sie an?

Wolfgang Bauer: Schon im Lokaljournalismus haben mich Menschen interessiert, die sich in eher schwierigen Lebensumständen befinden. Man kann über die Art und Weise, wie Menschen mit Krisen umgehen, viel über sich selbst und das Leben an sich erfahren. Du kommst den Menschen sehr nahe. Auf meinen Recherchen erlebe ich, wie viele unterschiedliche Möglichkeiten es gibt, auf das Leben zu schauen.
Im Jahr 1995 – noch während meiner Zeit beim Schwäbischen Tagblatt – reiste ich 4 Wochen nach dem Waffenstillstand, dem Abkommen von Dayton, nach Bosnien. Dort sah ich zum ersten Mal ein Haus, das in Trümmern lag, und zwar nicht, weil es abgerissen wurde, so wie ich es aus Deutschland kannte, sondern weil es durch den Hass von Menschen gesprengt worden war. Ruinen – entstanden durch menschlichen Hass. Ich fand das so unfassbar, dass ich die Trümmer ganz wörtlich anfassen musste. Ich war völlig überfordert auf dieser Reise. Ich traf in Bosnien eine Nonne, die ich interviewte und die mir mit fester Stimme von ihrer Vergewaltigung erzählte. Ich brach das Interview ab, nicht sie, weil ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Ich wollte nicht vor ihr weinen. In diesem Moment dachte ich: Das ist nichts für mich. Aber über viele andere Geschichten kehrte ich doch immer wieder zum Krisenjournalismus zurück. Es war also eine langsame, sozusagen organische Entwicklung.

Wolfgang Bauer im Hauptquartier der Freien Syrischen Armee (FSA) in Aleppo, 2013
Foto: Stanislav Krupar

Ihr Metier ist das Schreiben, auf Ihren Auslandsreisen werden Sie von Fotografen begleitet. Welche Rolle spielen die Bilder für Sie, die Ihre Reportagen ergänzen? Welche Funktion kommt einem solchen Foto zu?

Bauer: Fotos bedienen grundsätzlich eine andere Erzählebene, vermitteln eine andere Sinnlichkeit, wirken schneller und unmittelbarer. Wir ergänzen einander. Auch in der Textreportage gibt es eine Kameraführung, Visualität. Im besten Fall gelingt es mir, so zu schreiben, dass der Leser etwas riechen kann, etwas schmecken kann. Fotos alleine vermitteln zu wenig. Im Idealfall ergänzen sich Text und Bild.
Ein gutes Foto sollte den Betrachter nicht unterhalten, sondern mitleiden lassen. Ein Foto, das nur unterhalten will, bedient den Voyeurismus der Menschen, ein Foto, das mitleiden lässt, eine Reportage, die aufgeklärt betroffen macht, fördert die Mitmenschlichkeit.

Auf Ihren Auslandseinsätzen werden Sie Zeuge schlimmster Gräueltaten, sehen sich mit unfassbarem Elend konfrontiert, erleben Bombenangriffe hautnah. Wie bewältigen Sie die Ambivalenz eines Lebens „zwischen Reutlinger Mürbteig-Mutschel und Reportagereisen“?

Bauer: Ich bin erst kürzlich aus Burkina Faso zurückgekehrt, wo ich unvorstellbares Leid gesehen habe. Ich habe vor Jahren eine Reportage über psychisch Kranke in Westafrika geschrieben und habe es damals nicht beim Schreiben belassen, sondern eine Hilfsorganisation gegründet. Weil es damals keine andere Hilfsorganisation in Deutschland für dieses Thema gab. Als Reporter bin ich vor allem erst einmal Mensch. Und das Leid dieser Kranken hatte mich nicht mehr losgelassen. Ich habe Leute gesehen, die 30 Jahre an der Kette gehalten wurden, weil Familien überfordert waren, Angst hatten vor ihnen. Ich habe junge Frauen gesehen, die in freikirchlichen Gebetskreisen an der Kette gehalten werden, weil man dort predigt, nur das Gebet kann den Dämon austreiben, und die mich anflehten, sie zu befreien, weil sie nach unserem Besuch wieder vergewaltigt würden. Unser Freundeskreis St. Camille www.kettenmenschen.de hilft seither, aber er hilft, wenn Sie so wollen, auch mir. Er ist sozusagen meine Antitrauma-Therapie.
Wie ich diese Kontraste aushalte? Gestern Abend bin ich nach Reutlingen zurückgekehrt, saß gerade im Eiscafé mit einer Bekannten. Dieser Kontrast hat mich anfangs stark belastet. Mittlerweile habe ich akzeptiert, dass ich nicht in zwei Welten lebe, dem hier und dort. Auch bei uns, in Reutlingen und in Balingen, gibt es Verzweiflung und Leid, und auch in Afrika und Afghanistan, gibt es das Glück – beides muss man sich vor Augen halten.

Wolfgang Bauer beim Schachspielen mit einem afghanischen Flüchling in Rotterdam, dem vorgeworfen wird, in Afghanistan 1260 Menschen umgebracht zu haben, 2019
Foto: Andy Spyra

Das Bild zeigt Sie beim Schachspielen mit einem afghanischen Flüchtling in Rotterdam, dem vorgeworfen wird, in Afghanistan 1260 Menschen umgebracht zu haben. Können Sie aus der Vielzahl der Begegnungen auf Ihren Reisen eine herausgreifen, die Sie besonders beeindruckt hat?

Bauer: Es gibt auf fast jeder Recherche viele dieser Begegnungen. Ich habe den Eindruck, dass Länder in schwierigen politischen Umständen ganz besondere Menschen formen. Ich denke da etwa an ein Liebespaar in Afghanistan, Halima, 17 und Rafi, 18 Jahre alt. Beide arbeiteten in einer Eiscremefabrik und haben sich versehentlich ineinander verliebt – versehentlich, weil sie es eigentlich gar nicht hätten dürfen. Sie gehören unterschiedlichen verfeindeten Ethnien an, sie ist Schiitin, er Sunnit, eine solche Beziehung ist in Afghanistan quasi verboten. Halima und Rafi wollten sie dennoch leben, gegen den Widerstand der Familien. Sie versuchten, zu fliehen. Doch bereits im Wohnviertel des Mädchens wurde das Paar erwischt, ein Mob hat es aufgehalten und verprügelt. Sie kamen knapp mit dem Leben davon und endeten in den Zellen eines Jugendgefängnisses – sie im Mädchen-, er im Jungentrakt. Mit der Hilfe einer Anwältin der deutschen Frauenrechtsorganisation „Medica Mondiale“ sind die beiden inzwischen nach Monaten im Gefängnis freigekommen und haben geheiratet. Ihre Liebe hat überlebt, gegen den Widerstand einer ganzen Gesellschaft. Sie sind meine Helden.

Vielen Dank für das Interview, Herr Bauer!

Das Interview führte Sophia Zöfel.

Die ganze Geschichte von Halima und Rafi und weitere Reportagen, die zwischen 2010 und 2017 in der ZEIT erschienen sind, gibt es in Wolfgang Bauers neuem Buch „Bruchzone. Krisenreportagen“, erschienen 2018 im Suhrkamp-Verlag, zu lesen.

Die Matinee mit Wolfgang Bauer findet am Sonntag, dem 14. Juli, im Café Ce La Vie in der Balinger Adlerstraße 5 statt. Beginn ist um 11 Uhr, der Eintritt kostet 5 Euro inkl. Getränk.

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Dieser Beitrag stammt von:

Miriam Muschkowski

Miriam Muschkowski ist freie Mitarbeiterin bei der vhs Balingen und gehört zum Social-Media-Team der #wppbl. Als Balinger Gewächs ist sie in der Region bestens vernetzt.

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